Paulchen ausm Tierheim...

  • Puppyclip
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Das neue Glück eines Rottweilers aus dem Hamburger Tierheim


Hamburg, 3.3.02

Wir nahmen einen Rottweiler mit nach Haus. Wir hatten einen Hund gesucht und haben einen Freund gefunden. Aus der Fundsache Paul ist eine Glückssache geworden

Lange bevor ich sie sah, hörte ich sie. Sie kläfften und heulten, bellten und winselten. Laut, leise, schrill, dumpf hallten ihre Stimmen durch den trüben Nachmittag. Ich hörte Zorn und Verzweiflung, Angst und Enttäuschung. Das Leid hat viele Töne und noch mehr Gesichter. Mit jedem Schritt, den ich den Stimmen näher kam, schwollen sie ein bisschen lauter an. Ich folgte dem vielstimmigen Chor, am Zaun entlang, in einen Hof, umstanden von weißen, barackenähnlichen Gebäuden, aus denen Gitterkäfige wie eiserne Finger in eine Wiese mit laublosen Winterbäumen und Büschen hineinragen. Dann sah ich die Stimmen. Die meisten saßen, standen oder hockten in ihren eisernen Fingern. Große, kleine, hübsche, weniger hübsche, alte, junge. Rassehunde, Kampfhunde, Mischlingshunde. Trächtige Hunde. Fundhunde des Tierheims Süderstraße allesamt. - Strandgut missverstandener Tierliebe, Opfer perfider Gewalt, als Geschenke erst geliebt, dann gehasst und schließlich mit einem Strick um den Hals an einem Laternenpfahl vergessen. In gefährliche Waffen verwandelt, der Verwahrlosung und dem Hunger preisgegeben. Arme Hunde.

Meine Frau, mein Sohn und ich waren gekommen, um einem dieser Hunde eine Heimat zu geben. Eine Befreiung auch für uns. Unser letzter Hund, ein Mischling, war nach 17 Jahren an unserer Seite gestorben. In unserem Haus ist er geboren, in unserem Garten liegt er begraben. Zurück blieb die Leere.

Mein Sohn und ich wünschten uns einen Rottweiler. Rottweiler sind gutmütig, wachsam, zuverlässig und treu. Meine Frau fürchtete sich. So viel Hund, das war ihr nicht geheuer. Und so viel unbekannter Hund schon gar nicht. Was konnte da alles passieren.

Nun standen wir da vor diesen Käfigen mit all diesen Hunden - schier endlose Gassen der Hoffnungslosigkeit. Nie werde ich deren viele Gesichter vergessen, nie die Blicke, mit denen mich Dutzende Augenpaare ansahen. Wütende, verzweifelte, fragende, drängende, hoffnungsvolle, sehnsüchtige Blicke. Für sie ist die Süderstraße Zuflucht und Hort liebevoller Betreuung. Aber viel zu selten Zwischenstation in ein neues Zuhause.

Weil es zu viele Hunde gibt. 160.000 werden jedes Jahr in Hobbyzuchten geboren, fast 100.000 bei Profizüchtern. Und weil immer mehr Menschen immer weniger Achtung vor der Kreatur haben. Ihre Hand reicht ihnen den Futternapf, sie lassen die Leine lang oder halten sie kurz. Ein Machtgefühl, das manche berauscht, oft bis zum Exzess.

Dem erschütternden Ergebnis begegneten wir hier auf Schritt und Tritt. Aus Vertrauen ist vielfach nackte Angst geworden, aus Zuneigung blanker Hass. Aus Freunden wurden Fremde - manchmal auch Feinde. Jedenfalls erweckten etliche Hunde diesen Eindruck: gefletschte Zähne, aufgestellte Nackenhaare. Schnauzen, die sich durch das Eisen bohren würden, könnten sie dem Menschen da draußen nur an die Kehle gehen. Kampfhunde schnellten wie Gummibälle vom Betonboden ihrer sechs Quadratmeter großen Käfige in die Luft und schnappten nach der Hand, die sich ihnen gerade noch entziehen konnte. Hunde, fast so groß und so schwer wie kleine Kälber, knurrten Furcht erregend, ehe sie sich auf zwei Beinen an der Tür aufbauten, warnend ihre Beißer entblößten.

Sind sie wirklich aggressiv? Oder wollen sie sich durch derartige Drohgebärden nur vor Menschen schützen? Niemand außer ihnen weiß, was sie erlitten und erduldet haben. Was sie treibt. Und sie selbst können es uns nicht mitteilen, jedenfalls nicht mit Worten. Um es uns verständlich zu machen, müssten wir sie erst von uns überzeugen. Und das lassen sie nicht zu. Der Teufelskreis Schicksal hat sie in ihre Mitte genommen und lässt sie nicht mehr los.

Angst, Aggression, Depression - diese Zustände sind Dauermieter in der Süderstraße. Zwei Schäferhunde, denen das Alter die Schnauzen grau gefärbt hat, reagieren kaum noch auf Besucher. Zu viele haben schon vor ihren Käfigen gestanden - und keiner hat sich ihrer erbarmt. Nun haben sie alle Hoffnung fahren lassen. Und das sieht man ihnen an.

Walter auch, eine Mischung aus Rhodesian-Ridgeback und irgendwas. Die einzige Waffe, die ihm zu seinem Schutz geblieben ist, das ist Ablehnung. Und von ihr machte er Gebrauch, drehte sich abrupt von uns weg, stelzte staksig und steif wie eine Giraffe auf seinen dürren Beinen davon. Ein lustiges Bild, wenn es nicht zum Heulen wäre. Armer Walter. Mit Ablehnung gewinnt man keine Herzen.

Eine Frauenstimme dröhnte durch die Lautsprecher im Hundehaus: "Das Tierheim schließt um 16 Uhr." Noch zwanzig Minuten. Wir würden wohl keinen Hund mehr für uns finden, jedenfalls nicht heute. Aber statt zum Ausgang strebte ich, wie von Geisterhand geführt, auf drei Freilauf-Gehege am äußeren Rand des Geländes zu. In zweien kläfften ein Bernhardiner und ein Riesenschnauzer. An der Tür des dritten kauerte ein schwarzer Rottweiler mit Schlappohren und langer Rute. Vorsichtig, gaaanz vorsichtig, streichelte ich dem Rottweiler durch die Maschen übers Fell, dachte: Jeden Moment fährt er herum und schnappt nach Dir. Stattdessen drückte er sich mit seinen 42 Kilo noch fester in den Draht. Mehr, mehr, sollte das wohl heißen. Dann wendete er mir seinen mächtigen Kopf zu und ich blickte in zwei knopfgroße, traurige braune Augen. Nie zuvor hatte ich solch ein stummes Flehen gesehen. Die Pflegerinnen im Team der sachkundigen Frau Möller haben den Hund Pluto getauft. Weil er so freundlich ist und so eine knuddelige Schnauze hat wie Pluto in den Comics.

Heute heißt er Paul (weil wir wollten, dass er das Tierheim vergisst) oder Paulchen und lebt bei uns in den Elbvororten. Wir haben ihn einfach mitgenommen, ausgerüstet mit ein paar dürftigen Informationen: Dass er etwa zwei Jahre alt ist, dass er am Messegelände gefunden wurde, angebunden an einen Pfahl. Dass er acht Monate im Tierheim war und "panische Angst hatte vor allem und jedem". Halunkenwerk!

Die Angst hat er inzwischen verloren. Nur manchmal, im Traum, holt sie ihn noch ein. Dann schluchzt er und bewegt die Pfoten, als laufe er vor etwas weg. Aber diese schlimmen Träume werden immer seltener. Paul ist angekommen in seiner Familie. Wir suchten einen Hund und fanden einen Freund. Paul ist der beste Kumpel meines Sohnes. Freunden tritt er als der sanfteste schwarze Riese gegenüber, den man sich vorstellen kann, Unbekannten als wachsamer Hüter und allen als kompromissloser Beschützer seiner Menschen. Er gehorcht, weil er es will, ist stubenrein, weil er es gelernt hat, und ohne jede Unart, weil sie ihn fremd sind. Aus der Angst meiner Frau vor Paul wurde felsenfestes Vertrauen in Paul.

Wenn wir mit ihm spazieren gehen, gehört es zu den Ausnahmen, wenn nicht jemand sagt: "So ein schöner Hund. Und so freundlich." Und wenn wir dann antworten: Den haben wir aus dem Tierheim, lautet die Frage darauf fast immer: "Is' nich wahr?" Aus der Fundsache Paul ist eine Glückssache geworden - für uns alle.

Und wir. Waren wir nun besonders mutig, als wir uns nach knapp 20 Minuten für Paul entschieden - und damit für RISIKO? Oder dumm? Oder leichtsinnig? Weder noch. Wir haben gespürt, dass der Hund uns mag. Und der Hund hat gespürt, dass wir ihn mögen. Bei den Menschen nennt man das Liebe. Viele Dichter haben viele schöne Worte für sie gefunden. Und bei Mensch und Hund? Irgendwann wird bestimmt ein Poet darüber reimen, warum welcher Hund welchen Menschen riechen kann - und welchen nicht. Und umgekehrt.

Bis dahin empfehlen wir allen, die sich nach einem Hund sehnen, Zeit und Platz haben: Holen Sie sich auch einen Paul aus dem Tierheim. Einer wartet dort immer. Auch wenn er es vielleicht nicht gleich zeigt

Gruß Puppy







<BLOCKQUOTE><font size="1" face="Tahoma, Verdana, Arial">Zitat:</font><HR>Das Wenige, das du tun kannst, ist viel -
wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst.

Albert Schweitzer
[/quote]
 
  • SaSa22
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Hi Puppyclip :hallo:... hast du hier schon mal geguckt?
  • King
was kanns schöneres geben?


mfg king
 
  • watson
Für Paul ist es unwahscheinliches Glück.

Allerdings mißfällt mir die Anspielung auf die "Kampfhunde" sehr


watson
 
  • nancy01
So ein Erlebnis wie du es geschildert hast,hatte wir auch schon mal.Ich war glaube ich so 11 da haben meine Mutter und ich einen Hund aus dem Tierheim geholt.Ich kann nicht beschreiben wie toll dieser Hund, war und wieviel liebe sie uns gegeben hat.
Nicki war echt ein tollen Hund.Ich vermisse sie heute noch.
Gruß Jasmin
 
  • Puppyclip
Ich hab deb Beitrag nur so belassen, wie er war; allerdings denke ich auch, dass der Begriff Kampfhunde in dem Falle nicht wertend gemeint war. Eher so wie Windhunde oder Jagdhunde. Kampfhunde ist kein schöner Begriff, aber die Realität ist nunmal, daß er Landläufig angewendet wird um bestimmte Rassen zu beschreiben.Und da diese nunmal vermehrt in unseren Tierheimen versauern...


Gruß Puppy







<BLOCKQUOTE><font size="1" face="Tahoma, Verdana, Arial">Zitat:</font><HR>Das Wenige, das du tun kannst, ist viel -
wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst.

Albert Schweitzer
[/quote]
 
  • watson
Mir gefällt die Beschreibung trotzdem nicht


"Kampfhunde schnellen wie Gummibälle... schnappen nach der Hand..."
"alte Hunde, junge Hunde, Rassehunde, Kampfhunde, Mischlingshunde..."

Danach kommt zwar der Versuch einer Erklärung, ist aber m.E. nur auf diese Hunde bezogen. ALLE Hunde können so reagieren, wenn sie nur lange genug isoliert gehalten werden bzw. eine miese Prägung/Erziehung erfahren haben.

Puppy, ich weiß, daß Du den Text nur übernommen hast.
Ist auch nur mein Gedanke dazu...

watson
 
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