...im Mund eine Wüste...

Lana

20 Jahre Mitglied
Irgendwo weit weg von hier gibt es eine grosse Wueste, wo wenige Tiere leben, noch weniger Pflanzen wachsen und es nur Hitze und Sand im Ueberfluss gibt. Hunderte von Kilometern von dieser Wueste entfernt, in einem Gebirge, entsteht ein Fluss, graebt Schluchten und bummelt sanfte Abhaenge herunter, wird von kleinen Baechlein gespeist und, zu enormer Groesse herangewachsen, fliesst er in die Wueste, wo er, wieder hunderte von Kilometern spaeter, von der grausamen und unerbittlichen Sonne besiegt wird und eintrocknet. Aber auf seinem Weg schafft er ein Paradies um sich herum, wo eine kleine und privilegierte Schar von Tieren in grenzenlosem Ueberfluss lebt und von der Wueste um ihre Oase herum wenig Ahnung hat und sich noch weniger darum kuemmert.

Der Held dieser Geschichte, ein Krokodil, lebte in diesem Paradies. Weil ihr sicherlich seinen Namen nicht aussprechen koennt, so wie ich grosse Schwierigkeiten haben wuerde, ihn niederzuschreiben, werde ich ihn Ludwig nennen, weil sein Name in den anderen Krokodilen dieselben Assoziationen hervorruft, die der Name Ludwig in euch weckt.

Als er die Schale seines Eies vor all seinen Geschwistern aufbrach, war er groesser als jedes andere Krokodilbaby, an das irgendjemand sich erinnern konnte, und so machte er weiter. Ausgewachsen war er das groesste, staerkste, schoenste und auch das gerissenste und grimmigste Krokodil im Fluss, und alle fuerchteten ihn, und viele der weiblichen Krokodile versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erringen.

Aber Ludwig war auch das stolzeste Krokodil, das je atmete. Seine Faehigkeiten und Siege liessen ihn denken, er sei der Koenig der Erde, und dass alles, was er sich auch nur im entferntesten wuenschen koennte, ihm unverzueglich zuteil werden muesse. Die groessten Antilopen und die hoechsten Giraffen waren gerade gut genug fuer ihn und seinen Ruhm. Er dachte, er habe sich all diese Annehmlichkeiten verdient, und kam niemals auf den Gedanken, sie als Gaben zu betrachten. Deshalb waere es auch Unsinn gewesen, irgendetwas mit all diesen Viechern zu teilen, die zu dumm und zu faul waren, so stark und maechtig zu sein wie er.

Als nun all die anderen Krokodile mit offenen Maeulern nach einem vorzueglichen Essen auf einer Sandbank lagen und die kleinen Zahnstochervoegel die Fleischbrocken, die zwischen ihren Zaehnen haengengeblieben waren, herauspicken und essen liessen, dachte Ludwig, dass es sich doch sicherlich fuer den Koenig der Krokodile - und ueberhaupt: fuer den Koenig aller Tiere - nicht geziemte, sich laecherlich zu machen, indem er diesen kleinen Bettlern erlaubte, unversehrt zwischen seinen Zaehnen herumzulaufen. Voller Verachtung verspottete er die anderen Krokodile und ermahnte sie, ihren Rang als fuehrende Rasse aller Tiere nicht so zu vergessen; und als seine Kameraden nicht hoeren wollten, versuchte er, diesem verabscheuungswuerdigen Spektakel ein Ende zu machen, indem er die Voegel verscheuchte. Also legte er sich ebenfalls auf eine Sandbank, oeffnete seine Kiefer und wartete darauf, dass sich die Voegel dazwischen niederlassen wuerden. Dann, mit einer ploetzlichen Bewegung, schlug er seine Zaehne auf sie nieder und verschlang sie. Die anderen Krokodile waren ueberhaupt nicht damit einverstanden, weil allmaehlich kein Vogel es mehr wagen wuerde, die Zaehne eines Krokodils zu reinigen, aus Angst, es koenne Ludwig sein, aber niemand traute sich, etwas gegen sein Verhalten zu unternehmen, weil er so stark war. Trotzdem aber gab es eine Reaktion: Die anderen Krokodile verschwanden oft, wenn Ludwig sich ihnen naeherte, und als er nicht aufhoerte, die Zahnstochervoegel zu verjagen, war er bald ganz allein, und kein Krokodil wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben.

Das alte, weise Krokodil, zu dem alle kamen, wenn sie Rat brauchten, ging einmal zu Ludwig, um ihn vor den Konsequenzen seines Verhaltens zu warnen, aber es entkam nur knapp Ludwigs Versuch, es zu toeten und zu fressen.

So wurde Ludwig ziemlich einsam und folglich auch sehr muerrisch und vielleicht sogar noch grimmiger und grausamer.

Aber noch etwas anderes passierte mit ihm. Diese Fleischfetzen zwischen seinen Zaehnen, die niemand entfernte, begannen zu verfaulen und verdarben langsam seine Zaehne. Zunaechst verursachte dies nur einen ueblen Mundgeruch, und als fuer Ludwig die Zeit gekommen war, sich eine Frau zu suchen, konnte er trotz seines stattlichen Aussehens kein weibliches Wesen finden, das seinen Gestank ausgehalten haette, und Ludwig wurde noch einsamer und muerrischer; und das Bestehen auf seiner Meinung wurde angesichts allgemeiner Verachtung zum Prinzip. Spaeter begannen auch einige seiner Zaehne zu verfaulen, und abgesehen von den hoellischen Schmerzen, die das verursachte, wurde es immer schwieriger fuer Ludwig, andere Tiere zu jagen und zu toeten. Anfangs nahm er seine Zuflucht dazu, sie mit einem Schlag seines Schwanzes zu toeten und sie danach in Ruhe zu kauen, aber bald war er ueberhaupt nicht mehr in der Lage, sie zu kauen, und er wurde sehr, sehr schwach. Als die Zeit gekommen war, dass er sterben musste, machte er sich auf, das alte, weise Krokodil zu fragen, weshalb ausgerechnet er, das staerkste, das groesste und das beste aller Krokodile, so unzeitig sterben muesse.

"Das ist ganz einfach", sagte das alte Krokodil und beaeugte Ludwig mitleidig. "Du bist von den Gesetzen der Natur abgewichen. Du warest nicht zufrieden mit den Beziehungen zwischen den Tieren, wie Gott sie gemacht hat, sondern versuchtest, die alten Bindungen zu verlassen. Indem du nur deinen eigenen, momentanen Vorteil im Auge hattest, hast du aus deinem Mund eine Wueste gemacht: Wenn du die Zahnstochervoegel haettest essen lassen, haettest du ihnen geholfen, und dafuer haetten sie deine Zaehne geschuetzt. Du brauchtest sie genauso, wie sie dich brauchten, aber du hast alles besser gewusst. Du dachtest, du koenntest die Natur fuer deinen Nutzen veraendern, und hast dich als Hauptverlierer erwiesen."

Nun endlich verstand Ludwig, aber fuer ihn war es zu spaet.

Copyright 17.4.1994 by Silvia Bauer. All rights reserved.

aus dem Englischen uebertragen von Silvia Bauer Originaltitel: ... in the mouth a desert ... (1992)



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liebe Grüße Lana & Sessy
 
  • 15. April 2024
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Hi Lana ... hast du hier schon mal geguckt?
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Eine tolle Fabel, alle Politiker und Wirtschaftsbosse sollten sie lesen - aber ob sie sie wohl verstehen würden????

Traurige Grüße


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Marion, Tau & Tiptoe
 
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