Ich bin auf den Mensch gekommen

  • erwin
Ich bin auf den Mensch gekommen

Als wir dort hinten unter dem Heuschober geboren wurden, achtete Mutter von Anfang an darauf, dass wir absolut ruhig waren, wenn Menschen in der Nähe waren.
War wirklich eine schöne Zeit mit Mutter und den Geschwistern. Oft ließ sie uns alleine, schon als sie uns noch säugte, denn sie brauchte auch zu fressen. Als wir dann auch fressen konnten brachte sie fast täglich ein leckeres Huhn, manchmal sogar einen Hasen. Sogar die Ratten, welche sie oft brachte, schmeckten köstlich.
Immer wieder warnte sie uns vor den Menschen. Sie erzählte, die Menschen wollten uns Ketten um den Hals legen und uns mit einer anderen Kette an der Hauswand anhängen. Das Leben bestehe dann nur noch aus Hunger, Durst, Hitze oder Kälte, Langeweile und wäre total traurig.
Dann kam der furchtbare Tag.
Mammi kam völlig außer Atem angerannt, hatte nichts zum Fressen dabei. „Ruhig, still, Gefahr, Menschen“, keuchte sie.
Wir hörten sie und wir sahen sie. Dabei war ein auch ein Hund. Es war der erste fremde Hund den wir sahen. Er hatte wirklich eine Kette um den Hals und daran war ein langes Band, das ein Mensch in der hand hielt.
Der Hund hatte seine Schnauze am Boden und zog den Menschen zielstrebig in Richtung unseres Versteckes.
Mammi sagte: „Los hinten raus und ruhig sein!“
Doch sobald wir draußen waren, bellte der Hund und zog in unsere Richtung. Die Menschen, es waren drei, richteten ihre Gewehre auf uns. Es knallte ein paar Mal, Mammi und zwei meiner Geschwister schrieen furchtbar, fielen auf die Erde und blieben liegen. Nur Mammi stöhnte noch bis es noch mal knallte.
Ich hatte entwischen das Gebüsch erreicht, verkroch mich darin und beobachtete angstvoll die Szene. Meine restlichen drei Geschwister blieben angstvoll stehen und liefen dann winselnd zur toten Mutter.
Die Menschen griffen sie, steckten sie, sowie Mamma und die beiden toten Brüder in Säcke und gingen weg.
Jetzt war ich alleine. Ich blieb noch einige Zeit im Gebüsch, dann schlich ich mich in unser Versteck zurück. Traurig schlief ich ein und hungrig erwachte ich. Mal schauen wo Mutter immer die Hühner holte.
Ihre Spur war leicht zu finden. Kurz darauf roch, hörte und sah ich das Fresslager. So viel Hühner!
Nur waren sie hinter einem Maschendrahtzaun und als ich davor stand hob lautes Gegacker an und ein Mensch erschien. Ich zog mich vorsichtshalber erst Mal zurück. Habe es dann noch ein paar Mal versucht, kein Erfolg. Nicht mal eine Ratte lief mir über den Weg.
Am vierten Tag, abends, mein Hunger war inzwischen so schlimm, dass ich kaum noch schlafen konnte, auch das Wasser aus dem Bach linderte ihn nicht mehr kurzzeitig.
Plötzlich, ein köstlicher Geruch wehte in das Versteck. Vorsichtig kroch ich hinten raus, umrundete den Heuschober. Da saß ein Mensch, hatte Wurst; mein Hunger war so groß, ich wurde unvorsichtig, kroch näher und da sah er mich.
Er schaute mir direkt in die Augen. Vor Schreck war ich völlig erstarrt. Was wird er tun? Er braucht nur die Hand ausstrecken und er hat mich.
Der Mensch blieb ruhig, griff nicht mach mit, sagte nur: „Du hast wohl Hunger“ und warf mir ein Stück Wurst zu.
Im Hinterkopf kam die Warnung vorsichtig zu sein, doch mein Hunger war größer, ich fraß es einfach gierig, ging dann ein paar Schritte zurück und schaute ihn misstrauisch an. Er warf mir weitere Stücke zu, nur jedes Stück ein wenig näher zu ihm. Als es zu nahe bei ihm war ließ ich es liegen, ob wohl ich noch lange nicht satt war. Er nahm es wieder zu sich und warf es mir nun direkt vor die Pfoten.
Doch selbst das Beste ist irgendwann zu Ende. Die Wurst war gefressen und der Mensch meinte, nun hätte ich ihm sein Abendessen vertilgt, er muss nun nochmals einkaufen gehen.
„Warte hier, ich hol mehr“, meinte er, versteckte seinen Rucksack im Heu und ging weg.
Ich verkroch mich wieder ins Versteck. Bin zwar nicht satt, aber es war besser als nichts.
Es dauerte nicht lange, dann hörte ich Schritte. Bin gleich hinten raus und habe mich im Gebüsch versteckt.
Der Mensch setzte sich wieder vor die Hütte und rief: „Komm Hundi, komm, es gibt Fressi!“
Wieder roch es delikat, also näherte ich mich wieder vorsichtig. Er warf mir ein anständiges Stück Fleisch zu. Das schmeckte besser als alles was ich bis jetzt zum Fressen hatte.
Es wurde dunkel und der Mensch ging in den Heuschober, richtete sich dort ein Nachtlager. Ich kroch wieder, nun wirklich satt ins Versteck.
Irgendwie verstand ich die Welt nicht mehr. Mutter warnte uns dauernd vor den Menschen.
Menschen hatten meine Mutter und zwei Brüder erschossen, die anderen in einen sack gesteckt und mitgenommen. Menschen sind schlecht, feindlich und gefährlich!
Aber da oben, gerade einen Meter von mir entfernt schläft ein Mensch. Er gab mir gutes Fressen, sprach so schön ruhig mit mir.
Was also ist der Mensch?

Am nächsten Tag, die Sonne war schon lange aufgegangen hörte ich den Menschen wieder. Er ging wieder vor die Hütte, machte Feuer und bereitete sich Kaffee. Ich schlich mich wieder von Hintenrum an.
„Na, bist du immer noch da, gehörst wohl niemanden“, sagte er, griff in seinen Rucksack und warf mir wieder ein Stück Fleisch zu. Ich nahm es und verzog mich damit ins Versteck.
Kurz darauf packte der Mensch sein Zeug zusammen und ging weg.
Ich fraß das Fleisch, ging zum Bach, trank und da sah ich den Menschen schon ganz weit entfernt auf dem Feldweg.
Nun war ich wieder alleine. Ich überlegte. Es war mir nicht gelungen was zum Fressen zu erbeuten. Dann kam der Mensch und gab mir zum Fressen. Er war überhaupt nicht böse. Jetzt ist er wieder weg, ich sehe ihn gar nicht mehr. Bald werde ich wieder Hunger haben und dann?

„Ich muss bei diesem Menschen bleiben“, schoss es mir durch den Kopf. Also lief ich los, hoch zum Feldweg, da sah ich ihn, schon weit entfernt. Also die Pfoten bewegt und hinterher.
Er war wirklich überrascht als ich plötzlich neben ihm war und auch noch bellte. Doch er lächelte.
Und er berührte mich. Ich erschrak total und machte einen Satz seitwärts.
Er ging in die Hocke, sprach ganz ruhig: „Hundi komm, ich tu dir nichts!“ Die Situation war seltsam, ich hatte Angst, aber trotzdem wollte ich bei ihm bleiben. Wenn er mich als anfassen will, dann muss ich da wohl dulden. Ich wog das Für und Wider ab. Es gibt Fressen, er scheint anders zu sein als die Menschen, welche meine Familie zerstört haben und irgendwie hatte ich diesen Menschen sogar lieb; nicht so wie Mamma, aber er gab mir zum Fressen wie Mamma, war fast ein ähnliches Gefühl.
Also ging ich wieder zu ihm. Er streichelte mich über den Rücken, kraulte mich hinter den Ohren. Das tat echt gut, ich revanchierte mich, leckte ihm übers Gesicht.
Nun war alles gut, ich wusste, wir gehören nun zusammen.
So liefen wir einige Stunden, dann näherten wir und Häusern. Der Mensch ging darauf zu, doch ich bekam Angst, blieb zurück. Er blieb stehen, rief und lockte mich zu sich ich ging zu ihm, dann wieder zurück, lief bellend in die andere Richtung.
„Hat keinen Zweck, du hast Angst vor Häusern“, meinte er und ging auf ein Dickicht zu. Dort versteckte er seinen Rucksack und sagte zu mir: „Hier warten!“
Er ging weg, ich war verzweifelt, was sollte ich machen. Lief ein Stück nach, doch er zeigte auf das Gebüsch und wiederholte: „Hier warten!“
Ich überlegte: Er hat seinen Rucksack hier gelassen, aber er geht weg, lässt mich zurück. Die Angst wieder allein zu sein lies mich wieder nachlaufen, doch nochmals sagte er: „Hier warten!“
Der Rucksack roch nach ihm, es war wenigstens etwas von ihm noch da, also legte ich mich auf den Rucksack und wartete, fast zwei Stunden bis er wiederkam. Dann gab es erst mal was zum Fressen. Wirklich, ich hatte schon wieder Hunger, war doch schon eine halber Tag vergangen seit der letzten Mahlzeit.
Doch was war das? Kein Fleisch, keine Wurst. Stattdessen stellte er eine Schüssel auf den Boden, öffnete eine Dose, leerte den Inhalt in die Schüssel und schob sie zu mir. War irgendwie komisch das Zeug, so unnatürlich, roch aber nach Fleisch und sonst noch was, schmeckte aber hervorragend.
Nach dem Essen, ein großer Schrecken:
Er band mir etwas um den Hals. Ich wehrte mich zwar, doch er meinte, das muss sein. Inzwischen vertraute ich ihm schon soweit, dass ich es duldete. Doch als wir weitergingen befestigte er an diesem Halsband auch noch eine Leine. Das war wirklich zu viel. Ich zog, ich rollte mich auf dem Boden, ich versuchte mit den Pfoten das Halsband abzustreifen. Doch ich hatte keine Chance. Beleidigt und ängstlich trottete ich neben ihm her. Hatte Mamma doch Recht! Ist zwar keine Kette, aber macht das Gleiche.
Wir gingen wieder auf die Häuser zu. Ich wollte nicht, ich hatte Angst, dort waren unheimlich viele Menschen, aber ich war nun, weil ich angehängt war gezwungen, mitzugehen. Er redete dauernd beruhigend auf mich ein: „Keine Angst, ich bin bei dir, die kann keiner was tun.“
Irgendwie ließ die Angst nach und es roch auch überall so interessant. Wenn ich wo schnüffelte blieb er stehen, nur wenn es zu lange dauerte, dann zog er mich weiter.
Am anderen Ende der Stadt hängte er die leine wieder aus, nur das Halsband blieb. War zwar ein seltsames Gefühl, ich versuchte auch ein paar Mal es abzustreifen aber es ging nicht über meinen Kopf.

So liefen wir noch zwei Tage durch die Gegend, dann kam wieder etwas, das mir Angst machte. Wir gingen in ein Haus. Dort kaufte er Fahrkarten, so nannte er es wenigstens. Dann kam der absolute Schrecken. Wir standen auf einer gepflasterten Fläche, welche vor uns im Nichts endete und dann kam mit Lärm und Gekreische ein großes bewegliches Haus daher, hielt direkt vor uns und nun der absolute Terror:
Er wollte da mit mir rein. Ich stemmte mich mit allen Pfoten dagegen. Er hob mich aber einfach hoch und schon waren wir drinnen. Das Ganze zitterte und schaukelte, doch sonst tat es mir nichts. Er nannte es Eisenbahn.
Danach gingen wir wieder eine kurze Zeit und wieder in ein Haus. Ich meinte, das wäre wieder nur für kurze Zeit. Dauerte auch nicht allzu lange, dann gingen wir wieder rau, doch auch wieder zurück.
Er erklärte mir, der Urlaub wäre jetzt zu Ende, wie seinen Zuhause. Nun ja, war zwar ungewohnt, aber nicht schlecht. Gab genug zu Fressen, durfte auf weichen Polstern liegen und das Nachtlager mit ihm teilen.
Den Nachbarn, welche mich „süß“ fanden, sagte er ich würde „Allgäu“ heißen.
Nun muss ich nur noch wachsen, habe auch schon mein eigenes Revier, das verteidige ich auch lautstark, was meinem Menschen nicht immer gefällt.
 
  • SaSa22
  • #Anzeige
Hi erwin :hallo:... hast du hier schon mal geguckt?
  • Earthquake-Jake
Schön
 
  • Rocky3007
Einfach schön ............. :)
 
  • Tanja021
*zustimm*
 
  • ***Yve***
Schließe mich denn anderen an!
 
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