Meine Sorge ist, dass meine Mutter meinen Vater zu sehr drängt. Ich habe ja vorher gesagt, dass wir sie unterstützen, wo wir können, egal, was sie möchten. Dabei bin ich aber davon ausgegangen, dass Beide das Gleiche möchten. Meine Mutter hat vor zwei nach dem Krebstod einer Freundin gesagt, dass sie nicht versteht, wieso krebskranke Menschen mit einer schlechten Prognose sich noch so vielen quälenden Therapien unterziehen (müssen), mit so viel Hoffnung, die dann doch enttäuscht wird und die die Zeit der erfolglosen Behandlungen sehr qualvoll macht. Warum die Ärzte alles probieren, obwohl klar ist, dass das nur das Leiden verlängert. Ich meinte damals, dass es um die Hoffnung auf ein Wunder geht. Die es ja tatsächlich ganz selten mal gibt. Im Pankreas-Forum, in dem ich immer noch bin, seitdem Christine mit Pankreaskrebs diagnostiziert wurde, gibt es eine Frau, die diesen Krebs nun zehn Jahre überlebt hat. Wobei ihr Leben extrem eingeschränkt ist. Dem stehen aber Dutzende von Neuanmeldungen von Betroffenen gegenüber, die ich im Forum kennengelernt habe und die wie Christine den "üblichen" Weg gehen mussten und deren Lebenserwartung nur zwischen drei Monaten und 18 Monaten lag.
Meine Mutter hat die Hoffnung, dass mein Vater der seltene "Wunderfall" ist. Wie sie meinte, können Menschen auch von Krebs geheilt werden. Ich hingegen befürchte, dass dem nicht so sein wird. Sie verdrängt halt meisterhaft. Mich macht das sauer und es fällt mir schwer, die Klappe zu halten. Ich empfinde sie als sehr egoistisch. Die Ärzte haben meinen Vater angeboten, entweder stationär die Bestrahlungen zu machen oder täglich den Taxischein zu nutzen. Meine Mutter erzählte mir das per Sprachnachricht und meinte, dass das gar nicht geht. Sie käme allein nicht zurecht. Im
Haus ist das kein Problem, aber sie kann nicht einkaufen und kommt nirgendwo hin. Das hat sie meinem Vater auch so gesagt und ihm quasi "untersagt", das stationär zu machen.
Ich habe ihr geantwortet, dass wir an Ann gesehen haben, wie anstrengend die Bestrahlungen sind und dass die weite Taxifahrt (pro Strecke eine Stunde) eine zusätzliche Belastung sei. Ich habe ihr auch versichert, dass wir uns in der Zeit um sie kümmern, sie mit Einkäufen versorgen etc. An dem Punkt ging es noch um die Variante 2 Wochen Lymphdrüsenbestrahlung, vier Wochen Beinbestrahlung, Unterspritzung. Das gab ihr immerhin zu denken, denn sie antwortete, dass sie vielleicht in eine Seniorenresidenz ziehen könnte, während Papa im Krankenhaus ist. Sie und Papa wollten sowieso mal in einer wirklich sehr schönen Seniorenresidenz Probewohnen. Seniorenresidenz hatte sie übrigens ein paar Tage vorher vehement abgelehnt.
Danach hat sie noch mal mit Papa telefoniert und er sagte, dass er sich die Bestrahlung vom Bein überlegt, das andere aber machen wird. Und dass er keinesfalls stationär behandelt werden möchte, sondern täglich nach Bonn fahren möchte.
Als wir meinen Vater besuchten, hatte ich ziemliches Gefühlschaos. Große Traurigkeit, als ich ihn so bandagiert sah. Es gab aber Momente, da war ich richtig sauer. Es ging grob um die Behandlungen und ich merkte an, dass ich es unsäglich fände, dass wir in keiner Weise informiert werden. Ich fügte hinzu, dass ich über diese Krebsform sehr gut informiert bin und es in dem Forum auch Spezialisten und eine Fülle von Infos gibt. Vielleicht hätte ich sogar mit meinem angelesenen Wissen helfen können oder Fragen im Forum klären lassen können.
Meine Mutter antwortete, dass wir jetzt aber nun alles wissen. Meine böse Bemerkung: "Ja, jetzt, wo das Kind im Brunnen liegt" Dann musste ich aus dem ungemütlichen Besucherzimmer flüchten und habe den kleinen Blumenstrauß, den wir mitgebracht hatten und der noch trocken auf dem Bett von meinem Vater lag, in eine Vase gestellt und dabei dem sterbenden Mitpatienten zugelächelt.
Es gab eine zweite Situation, aus der ich geflüchtet bin. Mein Vater hat sehr übel über das Krankenhaus, die Ärztinnen und dem Pflegepersonal abgezogen. Bei offener Tür, das Pflegepersonalzimmer war nebenan. Ich fand das unsäglich und bin auf Toilette gegangen, während Chris beschwichtigte. Er ist der Diplomat unter uns.
Als wir gingen und mein Vater uns zum Aufzug brachte, kamen wir an einer Fotocollage vorbei. Darauf waren alle Pfleger und Pflegerinnen. Ich blieb stehen, schaute mir das Bild an und meinte, dass sie alle sehr sympathisch aussehen. Gleichzeitig öffnete sich die Tür zum Pflegezimmer gegenüber und ein Pfleger kam heraus. Offensichtlich hatte er meine Bemerkung gehört, denn er lächelte mich an. Ich fügte hinzu: "Ah, Sie sind einer der sympathischen Menschen auf dem Bild?" War er. Ich hoffe, ich konnte das schroffe Verhalten meines Vaters damit ein bisschen entschärfen. Btw, ich kenne meinen Vater so nicht. Normalerweise ist er in solchen Situationen extrem höflich.
Wir haben nach dem Besuch meine Mam nach Hause gefahren und haben zwischendurch bei dem ihr bekannten Netto gehalten, weil sie noch einkaufen wollte. Ich habe sie begleitet, während Chris die Gelegenheit nutzte, eine Zigarette zu rauchen. Mam fand sich im Laden gut super zurecht und war mit dem Einkaufswagen völlig sicher unterwegs. Sie kaufte Toastbrot und 4.5 Liter Wein in drei Tetrapacks. Mit der Bemerkung, dass sie nicht an den Vorrat geht, weil sie keinen Korken aus den Flaschen herausbekommt und ein Tetrapack einfach zu öffnen ist. Normalerweise zieht Papa die Weinkorken, weil sie nach ihrem Schlaganfall nicht mehr so feinmotorisch ist.
Nachdem wir uns von meiner Mam verabschiedet haben, war ich wie im Nebel. Chris und ich aßen auf dem Weg zu Christian, der uns in seiner Wohnung erwartete. Ich fragte ihn nach einer warmen
Fleecejacke, weil ich entsetzlich fror. Christian meinte. er hätte es extra warm in der Wohnung gemacht. Ich erwiderte, dass die Kälte von innen kommt. Er brachte mir die dickste Jacke, die er hatte. Wir saßen noch ein bisschen auf dem Küchensofa und plauderten bei einem Flens über alles, nur nicht über meine Eltern.
Ich konnte lange nicht einschlafen und als ich schlief, hatte ich Alpträume. Chris und ich hatten schon vorab geplant, auf dem Rückweg nach Vigy in eine Saunawelt zu gehen, um uns ein bisschen zu entspannen und hatten alles Nötige dabei. Als ich total übermüdet aufwachte, fragte Chris, ob ich wirklich in die Sauna möchte oder doch lieber sofort nach Hause. Er liebt Sauna und ich wollte, dass er sich wohl fühlt nach all dem Stress, also bestand ich auf Sauna. Dort angekommen, installierten wir uns auf zwei Liegen im Ruheraum. Ich wollte erst mal ein bisschen liegen, während Chris es in die Sauna zog. Als er zurück kam, lag ich eingemummelt in Bademantel und zwei großen Saunatüchern und schlief tief und fest. Chris ließ mich schlafen, genoss derweil die Saunawelt und sah zwischendurch immer wieder mal nach mir. Nach vier Stunden weckte er mich vorsichtig und wir tranken erst mal einen Kaffee. Danach war ich etwas klarer und schaffte immerhin noch ein paar Minuten im Dampfbad.
Ich war so so froh, als wir wieder Zuhause waren. Hier bin ich heil. Mit Chris, mit den Tieren, in unserem schönen Dorf und der unglaublich schönen Landschaft. In unserem Haus, das so schön ist. Mein Zuhause, meine Burg, mein Schloss. Mit den Hunden über die Felder streifen und mich über sie freuen. Die Miezen verwöhnen. Mit Chris lecker kochen.
Chris meinte heute Abend, als die schlimmen Ereignisse von früher in mir hochstiegen und ich sie ihm erzählten musste, weil ich sonst geplatzt wäre: "Sie waren grausam und Du bist ihnen zu nichts verpflichtet. Ich verstehe aber, dass Du helfen möchtest". Ich weiß aber gar nicht, ob oder wie weit ich das wirklich will. Es blubbert gerade so viel an die Oberfläche, was ich als erledigt betrachtet hatte.
Hinzu kommt, dass, wenn ich gerade verletzlich bin, auch ganz viele anderes an die Oberfläche blubbert. Zum Beispiel viele Bilder von viel Tierleid, die ich vor vielen Jahren gesehen habe. Emotional habe ich also gerade einiges an Arbeit.